Zum Schuljahresabschluss macht die Villa Nestle ihrem Beinamen "Kreativenschmiede" alle Ehre: Im ganzen Haus wuseln und werkeln angehende Grafik-Designer und Foto- und Medientechniker und probieren sich in Projekten auch auf Gebieten aus, die ihnen sonst fremd sind. Die Vernissage am letzten Schultag beendet wie ein großer Schlussakkord ein intensives Arbeitsjahr.


Fünf mal sechs Meter groß ist das Bild, das im Dachgeschoss der Villa Nestle an den Projekettagen zum Schuljahresende entstand. Freie Wände gibt es dafür im ganzen Haus nicht. Deshalb diskutiert Dozentin Heike Hofacker mit den zehn Schüler/-innen, die die großformatige, abstrakte Malerei gestaltet haben, welche Ausschnitte man zur Vernissage auswählen könnte. Überschaubar ist das ganze nur von oben: "Wir nehmen halt die Leiter", lacht Hofacker.
Wie sonst auch an Tischen arbeitet die Gruppe des Grafikers Diethelm Wonner: Die Geheimnisse der Kalligrafie erahnen die Schüler/-innen, als sie am zweiten Projekttag sehen, wie sich ihre ersten Versuche entwickeln: "Es ist toll, welche Talente sich hier zeigen", freut sich der Gastdozent an überraschend schönen Schriftkunst-Ergebnissen.
An ihren üblichen Computerarbeitsplätzen sind die aus allen Klassen bunt zusammengewürfelten Schüler/-innen am Werk, die das Angebot von Fotograf Manfred Kirschner wahrnehmen. Sie üben sich in 3-D-Fotografie mit digitalen Spiegelreflexkameras. Kurz nacheinander nehmen sie ein fixes Motiv in der Stadt aus leicht veränderter Perspektive mehrfach auf, erklärt André Czupala aus der ersten Foto- und Medientechniker-Klasse: "Zum Bearbeiten und Anschauen der Fotos braucht man die 3-D-Brille". Oder man legt die entwickelten Bilder der Reihe nach gegenüber in ein W-förmiges Regal, in dessen Mitte zwei Spiegel angebracht sind: "Nase drauf und angucken", leitet Kirschner sein Team an - und die Raum-Illusion ist perfekt. Weinberge und das neue Heilbronner Einkaufszentrum, Pflanzen oder Arbeitszimmer erscheinen Dank Doppelspiegelung greifbar.

Auf die gute alte Analogkamera umgestiegen ist der Projektkurs von Fotograf Tim Krieger: In der Bahnhofstraße 8 stimmt die Chemie, wenn neun Schüler abwechselnd in die Dunkelkammer abtauchen und Schwarz-Weiß-Fotografie entwickeln üben: Fotogramme bannen sie direkt auf Papier, der Umweg übers Negativ braucht mehr Zeit.
Dagegen traut man sich kaum, die teils noblen Kleidungstücke anzufassen, die unter der Regie von Edith Eiermann im Projekt "Mode aus Papier" entstehen: Der größte Unterrichtsraum in der Villa Nestle ist tags vor Schuljahresende eine Schneiderwerkstatt - in der statt Stoffen Papier und Pappe, Tackerklammern und Bast, Hasendraht oder Unterzugsmatten aus dem Baumarkt, Müllsäcke oder Gerüstabdeckplanen zu textiler Kunst werden: Zu schwarz-lia Punkbrau-Outfit von Juliane Bredin gehört die federleichte Schuh-Verzierung genauso wie das Schleier-Hütchen und der Mops aus Pappe.
Pappmaché haben die Schüler/-innen verabreitet, die nach dem Vorbild der berühmten Niki de Saint Phalle sogenannte Nanas geformt und bunt bemalt haben. Zauberhafte, üppige Figuren posieren, tanzend, schwimmend oder kopfstehend, auf der hauseigenen Vernissage. Mittendrin Schulleiter Horst Strümann. Er freut sich über die gute Stimmung. In bestem Miteinander haben Dozenten und Schüler/-innen die Villa in einen Kunstbetrieb verwandelt.
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